Warum verzichten immer mehr Menschen freiwillig auf Kinder? Darüber berichten 16 Frauen und Männer in einem Buch der US-Essayistin Meghan Daum. Ein Gespräch über Selbstsucht, Karriere und den Mut, gegen den Strom zu schwimmen.

Bis heute gilt Kinderlosigkeit nicht als selbstbestimmte Entscheidung, sondern als Laune der Natur. Und wer sich gewollt gegen Kinder entscheidet, gilt oft als selbstsüchtig. Sie haben keine Kinder. Sind Sie selbstsüchtig?
Genauso gut könnte man das Gegenteil behaupten: Wer Kinder hat, ist selbstsüchtig. Menschen handeln von Natur aus selbstsüchtig. So hat unsere Spezies überlebt. Die meisten Leute wollen Kinder, weil das Kinderhaben ihren Vorstellungen eines erfüllten Lebens entspricht. Meiner Ansicht nach beruht die Entscheidung gegen Kinder nicht auf Selbstsucht, sondern auf Selbsterkenntnis. Ich habe realisiert, dass das Muttersein nichts für mich ist. Das hat mich meine Ehe gekostet. Aber bereut habe ich die Entscheidung nie.

Für «Selfish, Shallow, and Self-Absorbed» haben Sie Essays von 16 freiwillig kinderlosen Schriftstellerinnen und Schriftstellern versammelt. Was brachte Sie auf die Idee für dieses Buch?
Ich fand, dass auch unsere Geschichten es verdienen, erzählt zu werden. Literatur von und über Eltern gibt es zuhauf, aber keine dazu, wie es ist, keine Kinder zu haben und damit zufrieden zu sein. Anfangs interessierte sich kein Verlag für das Projekt. Das Publikum sei zu klein dafür, so das Argument. Wie sich zeigte, war das Gegenteil der Fall. Das Buch wurde ein Bestseller und von Eltern ebenso gelesen wie von kinderlosen Leuten.

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Weshalb war es Ihnen wichtig, auch Beiträge von drei Männern zu integrieren?
Die Kinderfrage wird hauptsächlich als Frauenthema behandelt. Aber ich glaube, dass auch Männer in dieser Hinsicht unter gesellschaftlichem Druck stehen. Männer, die keine Kinder wollen, werden oft als ewige Halbwüchsige betrachtet. Man verdächtigt sie, an einer Art Peter-Pan-Syndrom zu leiden und sich davor zu drücken, Verantwortung zu tragen. Frauen ohne Kinder sieht man hingegen oft als Feministinnen, als unabhängig und stark. Ich hätte gerne mehr männliche Autoren dabeigehabt. Aber Männer sprechen selten über die sozialen Zwänge, denen sie sich ausgesetzt fühlen.

Und doch wirft man nur Frauen Karrieregier vor, wenn sie beruflichen Erfolg dem Muttersein vorziehen. Väter brauchen sich ihrer Arbeitsmoral wegen kaum zu rechtfertigen.
Das stimmt. Und es stimmt auch, dass das unfair ist. Es ist unfair, dass Frauen weniger verdienen, weil angenommen wird, dass sie irgendwann Kinder haben und das Berufsleben zumindest vorübergehend hintenanstellen werden. Männer dagegen verdienen sogar mehr, weil es ihnen möglich sein soll, eine Familie zu unterhalten. Das zeigen Statistiken. Die Arbeitskraft von Frauen wird weniger hochgeschätzt als die von Männern. Mal ganz abgesehen davon, dass die Arbeit, die Mütter zuhause leisten, als ganz selbstverständlich hingenommen und komplett unterschätzt wird. Schliesslich fallen auch das Austragen, das Gebären und das Stillen des Kindes allein auf die Frau zurück. Aber das lässt sich nun mal nicht ändern.

Dann sind Frauen Opfer ihres Geschlechts?
In gewisser Weise schon. Wir mögen dieselben Rechte haben wie die Männer, aber die Natur hindert uns daran, sie in derselben Weise zu nutzen. Hier ist ein biologischer Determinismus im Spiel, aus dem wir uns nicht hinausmanövrieren können. Wir können und müssen jedoch sehr wohl die Bedingungen verändern, die das Kinderhaben für Frauen noch immer zu einem Hindernis machen. Staatlich gestützte Kinderbetreuung zum Beispiel wäre ein guter Anfang.

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Hat Ihre Karriere davon profitiert, dass Sie keine Kinder haben?
Ja. Mit Kindern hätte ich diese Karriere nicht machen können oder sie wäre zumindest nicht dieselbe. Ich arbeite seit 25 Jahren als freie Autorin. Mein Einkommen schwankt stark. Manchmal verdiene ich viel, manchmal überhaupt nichts. Wer Kinder grossziehen will, sollte über ein Minimum an finanzieller Sicherheit verfügen. Mit einem Mann, der zuverlässig Geld verdient, hätte ich vielleicht auf diese Weise weiterarbeiten können. Aber vermutlich hätte mir die Zeit dafür gefehlt.

Gehört der Wille zur Selbstbestimmung zu den Voraussetzungen des Schriftstellerdaseins?
Ich erachte die Bereitschaft zur Selbstreflexion als wichtiger. Da ich keine Kinder grossgezogen habe, hatte ich mehr Zeit, über mich selber nachzudenken. Was übrigens keineswegs immer ein Vergnügen ist. Sicher gehört zum Schriftstellerdasein ein gewisses Mass an Selbstbewusstsein. Wer kreativ tätig ist, geht davon aus, dass andere sich für sein Werk interessieren. Das kann man auch als Selbstüberschätzung interpretieren.

Ist Selbstbestimmung ein Luxus?
Und was für ein Luxus! Selbstbestimmung ist ein ziemlich junges, westliches Phänomen. Ganz besonders für Frauen. Vor der Erfindung der Pille hatten Frauen selbst in den reichen Ländern in dieser Hinsicht nur wenig Kontrolle über ihr Leben. Kinder bedeuteten in der Regel das Ende ihrer ohnehin sehr relativen Freiheit. In vielen Ländern ist das noch heute so. Und auch bei uns haben Millionen von Frauen gar nicht die Wahl, ob sie lieber zuhause bleiben oder arbeiten möchten. Sie sind gezwungen, sich abzurackern, um sich und ihre Familie durchzubringen. Wenn wir von Selbstbestimmung reden, sprechen wir über das Privileg einer sehr schmalen Gesellschaftsschicht.

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Ob Selbstbestimmung, Selbstüberschätzung oder Privileg: Sie haben sich einen Namen als Querdenkerin gemacht. Woher nehmen Sie die Hartnäckigkeit, Projekte wie «Selfish, Shallow, and Self-Absorbed» zu verfolgen und damit manchmal auch unpopuläre Meinungen zu vertreten?
Die Herdenmentalität liegt mir nicht. Ausserdem verfüge ich über einen ziemlich empfindlichen Bullshit-Detektor. Wenn ich Unsinn und Widersprüche sehe, weise ich darauf hin, egal ob ich damit gegen die Etikette verstosse oder nicht. Zum Beispiel: Ich betrachte mich als Feministin. Aber es gibt Leute, die mir Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wenn ich sage, dass eine geschlechterblinde Gesellschaft nicht möglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert ist. Das ist frustrierend. Mein Ziel hat immer darin bestanden, Sachverhalte differenziert darzustellen. Manche Dinge sind kompliziert und es reicht nicht, darüber einfach die richtigen Töne von sich zu geben, um in den Chor einzustimmen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Ich lasse mich davon nicht irritieren. Als Kolumnistin habe ich mir über die Jahre hinweg eine dicke Haut zugelegt. In den sozialen Medien kann Kritik ja geradezu niederträchtige Formen annehmen. Aber ich vermeide Twitter-Streitereien und dergleichen. Und wenn es darum geht, bestimmte Projekte zu verfolgen, wissen meine Freunde und Bekannten inzwischen, dass es keinen Zweck hat, mir von etwas abzuraten, das ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe.

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Meghan Daum

Meghan Daum ist 1970 in Kalifornien geboren und zählt zu den bekanntesten Essayistinnen der USA. Wie sehr ihr Dogmen und Ideologien widerstreben, beweist sie mit ihrer oft unorthodoxen Herangehensweise an grosse und kleinere Themen. Sie hat für zahlreiche Magazine geschrieben, darunter für den New Yorker, Harper’s und Vogue, und veröffentlichte mehrere Bücher, u. a. den New-York-Times-Bestseller «Selfish, Shallow, and Self-Absorbed» (Picador) und zuletzt «The Problem with Everything» (Gallery Books). Zurzeit schreibt sie eine zweiwöchentliche Kolumne für die Online-Plattform Medium und moderiert den Podcast «The Unspeakable». Meghan Daum ist selber kinderlos und lebt in New York. www.theunspeakablepodcast.com