Der Klimawandel ist allgegenwärtig – und doch handeln wir oft nicht danach. Warum nachhaltiges Verhalten den Menschen schwerfällt und wie schon kleine Veränderungen im Alltag einen Unterschied machen können, erklärt der Verhaltensforscher Tobias Brosch.
Herr Brosch, trotz Klimawandel fällt es uns schwer, nachhaltiger zu leben. Warum?
Ein zentraler Grund ist die Macht der Gewohnheit. Vieles, was wir täglich tun, läuft automatisch ab – von unserem Essverhalten bis zur Gestaltung unseres Arbeitswegs. Es fällt uns oft schwer, diese Routinen zu durchbrechen. Dahinter steckt der sogenannte «Status-quo-Bias»: Haben wir die Wahl, etwas zu verändern oder alles beim Alten zu lassen, entscheiden wir uns häufig für Letzteres. Man könnte sagen: Wir neigen zur kognitiven Faulheit.
Welche Konsequenz ergibt sich daraus für die Klimapolitik?
Es reicht nicht, die Menschen nur zu informieren oder an ihre Vernunft zu appellieren. Wir brauchen strukturelle Veränderungen, durch die Menschen nachhaltiges Verhalten präferieren. Solange ein Flugticket günstiger ist als eine Zugfahrt, treffen Menschen selten die nachhaltigere Entscheidung. Hier setzt das sogenannte Green Nudging an: ein Konzept, bei dem Entscheidungsprozesse so gestaltet werden, dass Menschen sich automatisch häufiger für die umweltfreundlichere Option entscheiden – ohne Zwang oder Verbote.
Wie funktioniert das in der Praxis?
Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Ein klassisches Beispiel ist der Default-Nudge: Wenn etwa in einem Online-Formular für die Stromwahl der Ökostrom voreingestellt ist, dann behalten viele Menschen diese Auswahl bei. Ein weiteres Beispiel: Im Hotel wird auf einem Schild darauf hingewiesen, dass 90 Prozent der Gäste ihr Handtuch mehrfach verwenden. Oder im Supermarkt wird Gemüse auf Augenhöhe platziert, während Fleisch weniger prominent angeboten wird.
Bringen solche Massnahmen auch den gewünschten Effekt?
Unsere Forschung zeigt: Green Nudging funktioniert, allerdings nicht in allen Verhaltensfeldern und nicht bei jeder Person gleich gut. In einer Metaanalyse haben wir festgestellt, dass einige Nudges sehr effektiv sind. Der Default-Nudge ist dabei einer der wirksamsten. Studien aus Deutschland und der Schweiz zeigen: Wenn grüner Strom voreingestellt ist, wählen ihn bis zu 70 Prozent der Kundinnen und Kunden. Wenn sie sich aktiv dafür entscheiden müssen, liegt der Anteil oft bei nur 10 bis 20 Prozent.
Kann auch das soziale Umfeld dabei helfen, nachhaltiger zu handeln?
Ja, der soziale Kontext spielt eine wichtige Rolle. Menschen orientieren sich stark am Verhalten anderer – gerade in unsicheren Situationen. Wenn nachhaltiges Verhalten zur sozialen Norm wird, steigt die Bereitschaft, mitzumachen. In Kalifornien zeigte eine Studie, dass Haushalte signifikant weniger Strom verbrauchten, wenn auf ihrer Rechnung stand, dass ihre Nachbarn sparsamer sind. Das kann ein starker Hebel sein – vor allem, weil er auf positive Motivation setzt.
Ein zentraler Punkt in dieser Thematik ist nach wie vor das Auto. Warum fällt vielen der Umstieg auf E-Autos so schwer?
Dahinter steckt, neben ganz praktischen Hindernissen wie eine fehlende Ladestation, oft auch eine psychologische Barriere. Viele Menschen sind skeptisch gegenüber neuen Technologien. Die Hauptursache ist aber die «Reichweitenangst».
Was genau meinen Sie damit?
Viele glauben, ein E-Auto könne ihre Mobilitätsbedürfnisse nicht abdecken. Dabei basiert diese Angst oft auf Fehleinschätzungen. In einer Studie konnten wir zeigen, dass Personen den Anteil der Fahrten, die problemlos mit einem E-Auto machbar sind, um etwa 30 Prozent unterschätzen. In Deutschland fährt ein Auto durchschnittlich rund 39 Kilometer pro Tag. Das liegt deutlich unter der Reichweite moderner Elektroautos. Eigentlich müssten die meisten Menschen ihr Auto nur einmal pro Woche laden.
Wie lässt sich diese Angst abbauen – mit einem Nudge?
Ja, und zwar mit sogenannten informationsbasierten Nudges. Wenn Menschen erkennen, dass sie den Grossteil ihrer Mobilität problemlos mit einem E-Auto bewältigen können, steigt die Bereitschaft zum Umstieg. Solche Informationen könnten künftig etwa beim Online-Autokauf einbezogen werden.
Kritiker sprechen bei Nudging von Manipulation – vor allem, wenn der Staat eingreift.
Ich halte diesen Vorwurf für zu pauschal. Wichtig ist: Green Nudging muss transparent bleiben und die Selbstbestimmung muss gewährleistet sein. Niemand darf zu einer Entscheidung gedrängt werden, die er oder sie nicht treffen will. Gut gemachtes Nudging unterstützt Menschen bei Entscheidungen, die sie ohnehin gerne treffen würden – etwa, wenn sie nachhaltiger leben wollen, aber den ersten Schritt scheuen.
Aber reicht Nudging aus, um echten Klimaschutz voranzubringen?
Nein, dafür sind die möglichen Verhaltensänderungen zu klein. Nudging ist ein hilfreiches Werkzeug, aber es braucht einen Mix: klare politische Regeln, wirtschaftliche Anreize, umfassende Informationen – und eben auch psychologische Unterstützung. Die Akademie der Wissenschaften geht davon aus, dass bis zu 30 Prozent des Energieverbrauchs durch solche Verhaltensansätze eingespart werden könnten. Dieses Potenzial sollten wir nutzen, doch dafür benötigt es die Zusammenarbeit von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Hat nachhaltiges Handeln nicht auch mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun?
Geld spielt natürlich eine Rolle – wer wenig finanzielle Mittel hat, hat oft auch weniger Handlungsspielraum. Aber nachhaltiger leben heisst nicht automatisch kostspieliger leben. Weniger Fleisch kaufen, Strom sparen, öfter das Fahrrad nehmen – das schont nicht nur die Umwelt, sondern auch das Portemonnaie. Wichtig ist, dass Nachhaltigkeit nicht als Verzicht, sondern als Gewinn kommuniziert wird.
Kann man sich auch selbst nudgen – also ohne externe Impulse?
Ja, das nennt sich Self-Nudging. Wenn Sie etwas häufiger tun möchten, gestalten Sie es so einfach wie möglich. Wenn Sie etwas vermeiden möchten, dann setzen sie sich selbst kleine Hürden. Ein Beispiel: Wer öfter mit dem Velo zur Arbeit fahren möchte, sollte das Auto nicht direkt vor der Tür parkieren, sondern etwas weiter weg.
Macht nachhaltiges Verhalten glücklicher?
Gemäss Studien sind Menschen, die sich umweltbewusst verhalten, tatsächlich oft zufriedener mit ihrem Leben. Besonders dann, wenn sie Sinn in ihrem Handeln empfinden. Natürlich bedeutet Nachhaltigkeit auch mal Verzicht – aber wer sein Verhalten als Beitrag zu etwas Grösserem sieht, erlebt häufig mehr Lebenssinn. Und das ist eine zentrale Voraussetzung für langfristiges Wohlbefinden