Die Weltbevölkerung altert – und das in rasantem Tempo. Laut WHO wird der Anteil der über 60-Jährigen bis 2050 von 12 auf 22 Prozent steigen. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Anstieg von 900 Millionen auf 2 Milliarden Menschen. Diese Entwicklung verändert unsere Gesellschaft, unsere Arbeitswelt – und auch unsere Finanzplanung.

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Was bedeutet Financial Longevity für Swiss LifeSelect?

Christoph Obererlacher: Financial Longevity beschreibt für uns die Fähigkeit, finanzielle Selbstbestimmung über ein immer längeres Leben hinweg zu sichern. Menschen leben länger, bleiben länger aktiv – und müssen auch finanziell länger planen. Gleichzeitig steigen Gesundheitskosten, während staatliche Pensionssysteme an ihre Grenzen kommen. Unser Ziel ist es daher, Strategien zu entwickeln, die Erträge sichern, Inflation ausgleichen und gleichzeitig Flexibilität und Lebensqualität ermöglichen.

Was bedeutet das konkret?

Christoph Obererlacher: Bei Swiss Life Select verbinden wir Vorsorge, Absicherung, Liquidität, Immobilien und den Vermögensaufbau zu einem Gesamtkonzept – angepasst an jede Lebensphase. Wir sprechen von holistischer Finanzberatung: Der Blick auf das große Ganze ist entscheidend, nicht auf ein einzelnes Produkt. Traditionell basiert Finanzplanung auf dem chronologischen Alter. Heute rückt das biologische Alter stärker in den Fokus. Es gibt 90-jährige Triathletinnen und 60-Jährige mit chronischen Krankheiten. Welche Chancen oder Herausforderungen siehst du darin, das biologische Alter in die Finanzberatung zu integrieren? Das biologische Alter rückt zweifellos stärker in den Fokus, weil Menschen heute sehr unterschiedlich altern.

Für die Finanzberatung bedeutet das: Wir müssen Lebensrealitäten individueller erfassen und stärker auf persönliche Lebensqualität und Gesundheit eingehen und die Wünsche und Ziele bis in das Alter von 90 Jahren und darüber hinaus einplanen. Eine direkte Integration des biologischen Alters im engeren Sinne – also über medizinische Daten – wäre weder praktikabel noch wünschenswert. Aber wir können die dahinterliegende Idee übernehmen: Finanzplanung sollte sich weniger am Geburtsdatum und stärker an Lebensphasen, Vitalität und Zielen orientieren. Wer länger gesund und aktiv bleibt, kann länger investieren, arbeiten oder Neues beginnen – das verändert auch den Zeithorizont und die Risikostruktur einer Finanzstrategie.

Die Chance liegt also in einer neuen Denkweise: weg vom standardisierten Altersmodell hin zu einem flexiblen, lebensphasenorientierten Ansatz. Die Herausforderung besteht darin, dieses Denken sensibel umzusetzen – mit Respekt vor Datenschutz und ohne Menschen auf Zahlen zu reduzieren. Letztlich geht es darum, Finanzplanung noch persönlicher, dynamischer und zukunftsfähiger zu gestalten.

Wie werden wir Investment-Strategien anpassen, welche Kriterien hinsichtlich Investment-Auswahl, Diversifizierung und Risikomanagement sollten wir künftig mehr beachten?

Christoph Obererlacher: Wir stehen an einem Punkt, an dem klassische Investmentstrategien neu gedacht werden müssen. Längere Lebensspannen bedeuten längere Anlagehorizonte – und damit auch veränderte Anforderungen an Ertrag, Stabilität und Flexibilität. Künftig wird es noch wichtiger, Portfolios ganzheitlich zu strukturieren: also nicht nur nach Renditechancen, sondern entlang der individuellen Lebensphasen. Ein 40-Jähriger mit gesicherter Erwerbstätigkeit braucht eine andere Balance als jemand, der sich in der Entnahmephase befindet. Entsprechend rückt das Zusammenspiel von Diversifizierung, Liquiditätsmanagement und nachhaltiger Kapitalanlage stärker in den Mittelpunkt.

Drei Kriterien werden entscheidend sein:

  • Breite Diversifizierung über Anlageklassen, Regionen und Währungen hinweg, um Risiken gezielt zu streuen.
  • Dynamische Anpassung an Marktveränderungen und Lebensphasen – durch regelmäßige Überprüfung der Allokation und Szenarioanalysen.
  • Nachhaltige Zukunftsbranchen, die vom demografischen Wandel profitieren – etwa Gesundheit, Technologie, Energieeffizienz oder Pflegeinfrastruktur.

Langfristig zählt nicht der kurzfristige Markttrend, sondern die Stabilität der Strategie. Unser Ziel ist es, Kapital so zu strukturieren, dass es Wachstum ermöglicht, ohne die finanzielle Gelassenheit zu gefährden. Denn wer langfristig denkt, schafft sich die Freiheit, Entscheidungen unabhängig und selbstbestimmt zu treffen.

Unternehmen in den Bereichen Gesundheit, Biotechnologie, Medizintechnik, Pflege oder Ernährung profitieren von einer alternden, aber aktiven Gesellschaft. Für Anlegerinnen und Anleger entstehen daraus neue Möglichkeiten für Investitionen; auch Longevity-Fonds und auf Langlebigkeit ausgerichtete ETFs sind mittlerweile auf dem Markt. Wie schätzt du diesen Trend ein?

Christoph Obererlacher: Der Trend zu sogenannten Longevity Investments ist mehr als nur ein kurzfristiger Hype – er spiegelt einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel wider. Für Anleger:innen eröffnet das attraktive Chancen, vor allem wenn sie nachhaltig und breit gestreut investieren. Longevity-Fonds oder spezialisierte ETFs ermöglichen den Zugang zu Unternehmen, die von medizinischem Fortschritt, Prävention, Digitalisierung und neuen Versorgungsmodellen profitieren. Entscheidend ist aber, diese Produkte nicht isoliert zu sehen, sondern sie in eine ganzheitliche Finanzstrategie einzubetten, die individuelle Ziele, Risikobereitschaft und Lebensphasen berücksichtigt. Langlebigkeit ist letztlich ein Megatrend, der Wirtschaft, Gesellschaft und Kapitalmärkte prägt. Wer diesen Trend strategisch in seine Finanzplanung integriert, kann nicht nur von Wachstum profitieren, sondern auch dazu beitragen, dass längeres Leben mit Lebensqualität verbunden bleibt. Genau darin liegt die Chance einer vorausschauenden Investmentstrategie.

Karin Bosshard, Chefredakteurin der Schweizer Handelszeitung, schreibt von einer Zukunft, in der Vermögensplanung und Gesundheit Hand in Hand gehen. Wie sieht deiner Meinung nach die Finanzplanung der Zukunft aus – in einer Welt, in der 100-Jährige keine Ausnahme mehr sind?

Christoph Obererlacher: Finanzplanung und Gesundheit werden in Zukunft enger miteinander verbunden sein, weil beide denselben Kern haben: Selbstbestimmung über das eigene Leben. Wer gesund bleibt, kann länger aktiv gestalten – beruflich, privat und finanziell. Und wer finanziell gut aufgestellt ist, kann Gesundheit, Lebensqualität und Pflege besser absichern. Finanzplanung muss zunehmend lebensphasenübergreifend gedacht werden. Es geht nicht mehr um das klassische Modell „Ansparen – Pension – Entnahme“, sondern um flexible Strategien, die Arbeit, Weiterbildung, Auszeiten und neue Lebensabschnitte kombinieren.

Die Finanzplanung der Zukunft wird digitaler, individueller und stärker auf Werte ausgerichtet sein. Sie wird Szenarien abbilden – von Gesundheitskosten über Pflege bis hin zu nachhaltigen Investments – und Menschen dabei unterstützen, finanzielle Gelassenheit in jeder Lebensphase zu bewahren.

Bei Swiss Life Select sehen wir unsere Aufgabe darin, genau diesen Übergang zu gestalten: Mit
holistischer Beratung, die wirtschaftliche, persönliche und gesellschaftliche Entwicklungen verbindet.

Was müssen Finanzunternehmen heute tun, um in zehn Jahren in einem „Longevity-Markt“ erfolgreich zu sein?

Christoph Obererlacher: Finanzunternehmen müssen heute beginnen, Finanzplanung völlig neu zu denken. Der demografische Wandel erfordert keine neuen Produkte, sondern neue Perspektiven – weg von kurzfristigen Verkaufsimpulsen, hin zu langfristigen, ganzheitlichen Strategien.

Drei Punkte sind aus meiner Sicht entscheidend:

  • Ganzheitliche Beratung etablieren: Finanzplanung darf kein Produktverkauf sein, sondern muss Absicherung, Vorsorge, Liquidität und Vermögensaufbau zu einem Gesamtkonzept verbinden – über alle Lebensphasen hinweg.
  • Digitalisierung sinnvoll nutzen: Daten, Simulationen und Vergleichstools schaffen Transparenz und ermöglichen individuelle Strategien – aber das persönliche Gespräch bleibt der Schlüssel zu Vertrauen und Orientierung.
  • Finanzbildung fördern: Wer finanzielle Zusammenhänge versteht, trifft bewusstere Entscheidungen und bleibt selbstbestimmt – ein zentraler Erfolgsfaktor in einer Welt, in der Menschen länger leben und komplexer planen müssen.

Unternehmen, die heute in Kompetenz, Technologie und ganzheitliche Beratung investieren, werden in zehn Jahren jene sein, die Finanzielle Langlebigkeit nicht nur begleiten, sondern aktiv gestalten.