"Investiere mit 30 in deine Gesundheit, in deine Beziehungen und in dein Vermögen. Die ersten beiden machen dein Leben reich, die dritte gibt dir die Freiheit, es zu genießen.“ Christoph Obererlacher, Geschäftsführer von Swiss Life Select Österreich, über Financial Longevity, junge Menschen zwischen TikTok und ETF, die Frage, warum Vorsorge weit mehr ist als Sparen für die Pension und den teuersten Fehler, den viele in Finanzsachen machen.
Herr Obererlacher, das Vertrauen in die Altersvorsorge sinkt stark. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Ich merke vor allem bei meinen Besuchen in Schulen, dass das Thema Pension junge Menschen heute viel stärker beschäftigt als noch vor einigen Jahren. Viele verstehen, dass die staatliche Pension saniert werden muss und sie für ihre künftige Lebensqualität selbst aktiv werden müssen.
Was können Finfluencerinnen und Finfluencer leisten – und wo liegen die Grenzen?
Sie können Interesse wecken und Berührungsängste abbauen. Das ist positiv. Häufig fehlt aber die Tiefe: Ein Produkt lässt sich heute mit wenigen Klicks kaufen, ohne dass vorher geklärt wurde, welches Ziel man verfolgt und wie dieses Investment in die gesamte Finanzplanung passt. Hinzu kommt, dass am Smartphone sehr schnell und emotional gehandelt wird. Gerade in schwierigen Phasen braucht es aber eine langfristige Strategie – und manchmal auch jemanden, der Ruhe hineinbringt und daran erinnert, warum man ursprünglich investiert hat.
Wir planen meist mit unserer Lebenserwartung. Was verändert sich, wenn wir stattdessen mit gesunden und aktiven Lebensjahren rechnen?
Dann wird die Planung konkreter. Viele Menschen haben nach dem Pensionsantritt noch zahlreiche aktive Jahre vor sich. In der Altersforschung und Finanzplanung spricht man häufig von Go-Go-, Slow-Go- und No-Go-Jahren. In den Go-Go-Jahren sind Menschen fit, reisen, unternehmen viel, kümmern sich um ihre Enkelkinder oder arbeiten gern weiter. In den Slow-Go-Jahren wird das Leben meist etwas ruhiger. Und später können Betreuung, medizinische Versorgung oder Pflege wichtiger werden. Jede dieser Phasen bringt andere Bedürfnisse und Ausgaben mit sich.
Wer sich nur fragt, ob die Pension grundsätzlich zum Leben reicht, greift daher zu kurz. Die wichtigere Frage lautet: Wie möchte ich in diesen unterschiedlichen Lebensphasen leben – und was brauche ich dafür? Welche Kosten werden dabei besonders häufig übersehen?
Viele kalkulieren nur ihre regelmäßigen Ausgaben. Aber auch im Alter muss vielleicht ein Auto ersetzt, das Haus saniert oder eine Wohnung barrierefrei umgebaut werden. Zahnersatz kann teuer werden. Dazu kommen vielleicht Medikamente, private Gesundheitsleistungen oder Pflege. Selbst eine abbezahlte Immobilie ist nicht kostenlos. Fenster, Heizung oder Sanitäranlagen halten nicht ewig. Erst wenn solche Ausgaben in unterschiedlichen Szenarien mitgedacht werden, entsteht ein realistisches Bild.
Was ist der teuerste Irrtum beim Thema Langlebigkeit?
Den Zinseszinseffekt zu unterschätzen. Viele lassen Geld über lange Zeit am Sparbuch liegen. Tatsächlich kostet das Lebensqualität und wird in den 25-30 Pensionsjahren vielfach zur Liquiditätsfalle. Ein vereinfachtes Beispiel: Wer mit 25 Jahren beginnt und bis 65 jeden Monat 100 Euro investiert, könnte bei einer durchschnittlichen jährlichen Nettorendite von zwei Prozent auf rund 73.000 Euro kommen. Bei fünf Prozent wären es rund 152.000 Euro. Mehr als das Doppelte! Natürlich ist das eine Modellrechnung und keine Garantie. Sie zeigt aber, wie stark sich Zeit und Rendite auswirken können.
Bedeutet Sparen, dass ich heute auf vieles verzichten muss?
Nein. Es geht nicht darum, sich heute nichts zu gönnen. Man sollte sich vielmehr fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Was macht mich glücklich? Und welche Ausgaben laufen, ohne mir viel zu geben? Ein Tipp: Gerade beim ersten Einkommen lässt sich oft leicht ein Betrag zurücklegen, ohne dass man ihn im Alltag stark vermisst. Viele scheitern weniger am Verzicht als an der Entscheidung. Sie wissen nicht genau, wie sie beginnen sollen und verschieben das Thema immer weiter. Man muss aber nicht sofort den perfekten Plan für die nächsten 40 Jahre haben.
Welche finanzielle Entscheidung in den 30ern oder 40ern wird in ihrer langfristigen Wirkung am häufigsten unterschätzt?
Der schon erwähnte Zinseszinseffekt aber auch, dass es Möglichkeiten gibt, ETFs oder Fonds in KESt-freien Lösungen zu erhalten. Langfristig kann der Unterschied schon die eine oder andere schöne Reise sein.
Sie haben Menschen über Jahrzehnte begleitet. Was haben Sie übers Älterwerden gelernt, das in keiner
Statistik steht?
Was mir gerade bei älteren Kunden und Kundinnen aufgefallen ist: Diejenigen, die einen Plan haben und sich damit beschäftigen, sind besser gelaunt. Sie fühlen sich einfach sicherer. Das macht der ganzen Familie mehr Spaß und Freude verlängert das Leben. Oder, etwas salopp gesagt: Geld ist nicht alles, aber ein finanzieller Puffer macht sicher nicht grantiger.
Welche drei Dinge sollte ein 30-jähriger Mensch heute tun, damit sein 70-jähriges Ich später dankbar ist?
Investiere mit 30 in deine Gesundheit, in deine Beziehungen und in dein Vermögen. Die ersten beiden machen dein Leben reich, die dritte gibt dir die Freiheit, es zu genießen. Dabei muss man mit 30 noch nicht genau wissen, ob das angesparte Geld später für eine Wohnung, eine längere Auszeit oder etwas völlig anderes verwendet wird. Auch Unabhängigkeit ist ein Ziel. Wer finanzielle Möglichkeiten aufbaut, kann später selbst entscheiden.
Ab wann wird ein langes Leben nicht mehr selbstbestimmt – und was kann Geld daran ändern?
Ein langes Leben wird dann fremdbestimmt, wenn wir wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können – sei es aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen. Geld kann viel bewirken: Es schafft Wahlfreiheit, ermöglicht bessere Betreuung und hilft, möglichst lange unabhängig zu bleiben. Aber es kann weder Gesundheit noch Lebensfreude garantieren.
Deshalb bedeutet Longevity für mich nicht, möglichst alt zu werden. Sondern möglichst lange selbstbestimmt zu leben. Dafür braucht es beides: Gesundheit und finanzielle Unabhängigkeit.
Was müssen Financial Planner im Jahr 2036 können, was heute noch nicht selbstverständlich ist?
Financial Planner der Zukunft werden Lebensarchitekten und Lebensarchitektinnen sein. Informationen über Produkte werden durch KI schneller und einfacher verfügbar. Aber es braucht jemanden, der die vielen Informationen richtig einordnet. Finanzen, Vorsorge, Gesundheit, persönliche Ziele und unterschiedliche Lebensmomente müssen zu einem Gesamtkonzept verbunden werden. Es geht also um Lebensplanung – und man wird noch stärker zur Vertrauensperson, als man es heute bereits ist.
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